RHEINISCHES REVIER - ANSICHTEN EINES DORFES


Das freie Fotoprojekt ‚Rheinisches Revier – Ansichten eines Dorfes‘ zeigt Bewohner:innen aus drei der verbliebenen sechs Dörfer des Braunkohleabbaugebiets Garzweiler II: Keyenberg, Kuckum und Berverath. Seit Jahren sind sie vom Abriss bedroht - und harren aus.

Garzweiler II ist ein knapp 50 Quadratkilometer umfassender Tagebau im nördlichen Nordrhein-Westfalen, der vom Energiekonzern RWE betrieben wird. Durch den Braunkohleabbau wurden hier seit Ende der sechziger Jahre mehr als 30 Dörfer, Weiler und Höfe und damit rund 7.500 Menschen in bestehende oder neu errichtete Wohngebiete umgesiedelt.

Seit einigen Jahren kämpfen nun die Bewohner:innen der vom Abbau bedrohten Dörfer um ihr Zuhause, auch mit ökologischer Zielsetzung: „Enteignung bedeutet Vertreibung. Vertreibung ist ein Verbrechen - an uns als Dorfbewohnern und auch an unserem Klima“, so die Aktivistin Waltraud Kieferndorf aus Kuckum. In Keyenberg lebten im Sommer 2021 noch etwa 30 Familien. Es ist mittlerweile ein Ort mit nahezu fehlender gewerblicher und sozialer Infrastruktur. Ob Kneipe, Metzger oder Kindergarten – der Betrieb wurde längst eingestellt. Nur ein Bäcker hat noch an drei Tagen pro Woche für wenige Stunden vormittags geöffnet. Auch die Jahrhunderte alte Heilig-Kreuz-Kirche darf nicht mehr betreten werden. Sie wurde am 28. November 2021, am ersten Advent, ohne Abschiedsgottesdienst entwidmet - ihre Glocken wurden bereits Anfang September 2021 in aller Stille ausgebaut.

Die Biographien der Bewohner:innen sind eng mit der Geschichte des Dorfes verwoben. Die Mehrzahl lebt dort seit mehreren Generationen und viele waren im örtlichen Vereinsleben aktiv. Die meisten betreiben ein eigenes Gewerbe oder einen landwirtschaftliche Betrieb. „Zuhause zu sein, heißt sich wohlzufühlen. In den neuen Gebieten, da wohnt man doch nur, das hat man allenfalls eine Adresse“, sagt die Kuckumerin Irmtrud Pechtheyden.

Nach der NRW-Landtagswahl 2021 gab es berechtigte Hoffnung auf einen früheren Kohleausstieg. Der Ukrainekrieg könnte auch das zunichte zu machen. (Stand: August 2022)




Tina - Keyenberg, 2021

Aktivistin aus Kuckum, aktiv in der Vereinigung „Alle Dörfer bleiben“ und seit 2021 Studentin der Sonderpädagogik in Wuppertal. Sie will den Bauernhof der Familie in die nächste Generation führen und nach ihrem Uniabschluss einen Therapiehof mit Pferden ins Leben rufen. „Ich konnte früher reiten als laufen.“ Sie wünscht sich, das Kuckum ein lebendiges nachhaltiges Dorfleben mit einer vielfältigen neuen Dorfgemeinschaft entwickelt.


Karl - Kuckum, 2021

Auf seinem Hof. Er kämpft seit Jahren mit seiner Familie gegen den Energiekonzern RWE und die Braunkohlepolitik des Landes NRW für den Erhalt des Dorfes. Er ist Bauer im Nebenerwerb und arbeitet als Angestellter beim Niersverband, einer Körperschaft, deren Aufgaben u.a. in der Renaturierung des Gewässers und im Hochwasserschutz bestehen.

 

 


Britta - Keyenberg, 2021

Auf den Stufen der Heilig-Kreuz-Kirche. Sie wohnt mit ihrer Familie und zwei Hunden im Haus ihrer Großmutter im Straßendorf Berverath. Sie wehrt sich gegen die Politik des Landes u.a. als Ratsfrau von Bündnis 90/ Die Grünen: „Bevor RWE mein Dorf abreißt, kette ich mich nackt an den Bagger.“

 


Sabine - Keyenberg, 2021

In ihrem Garten. Sie wohnt gleich am Ortseingang und sieht den Bagger seit drei Jahren auch von ihrem Badezimmerfenster aus: „Ich bin hier, um etwas aufzubauen. Für mich ist der Tagebau abgeschlossen.“ Eine Aussage, die im Frühjahr 2021 von keinem/r der Aktivist:innen mit dieser selbstverständlichen Gewissheit vertreten wurde.


Walter - Keyenberg, 2021

In seinem Garten. Seit vielen Generationen lebt Walters Familie hier. Der Rentner hält in der Hand den Spaten seines Großvaters, dessen Eichenknauf von der Gartenarbeit genauso einseitig abgenutzt ist wie das Spatenblatt.



Marita  - Kuckum, 2021

 

in ihrem Pferdestall. Sie wohnt auf einem Bauernhof in Kuckum, der seit dem 17. Jahrhundert in Familienbesitz ist. „Ich habe schon als kleines Kind zusammen mit meinen Opa die Ställe sauber gemacht. Heute helfen mir meine drei Kinder dabei. Ich kann das nicht so einfach aufgeben.“

Ihre Vision von Kuckum ist, ein kleines Erzählcafé einzurichten, das die Geschichte des Widerstands der Dörfler zeigt. Sie wünscht sich, dass junge Klimaaktivisten nach Kuckum ziehen und dass das Dorf als Mehrgenerationen-Dorf autark wird. „Wir müssen entschleunigen; nicht mehr abzielen auf höher, weiter, schneller.“


Irmtrud - Kuckum, 2021

In ihrem Garten. Sie liebt Blumen und Pflanzen: „Mein Garten, das ist Urlaub, mein Seelenheil. Das krieg ich anderswo nie wieder!“. Sie lebt seit 30 Jahren hier, war im Versicherungswesen tätig und hobbymäßig DJ. Mittlerweile ist sie Rentnerin und setzt sich in der Vereinigung „Alle Dörfer bleiben“ gegen die Abbaggerung der bedrohten sechs Ortschaften ein. Dabei bezeichnet sie sich nicht als Aktivistin, eher als jemand, der „um seine Heimat kämpft“. In der Heimat zu sein, heißt für sie: „Zuhause zu sein, sich wohlzufühlen. In den neuen Gebieten, da wohnt man doch nur.“


Waltraud - Kuckum, 2021

Am Pool in ihrem Garten. „Heimat“, sagt sie, „ist für mich Teil meiner Lebens-planung, die mich innerlich strukturiert, mir Halt gibt und ein wichtiger Teil meiner seelischen Gesundheit.“ In ihrem exotischen Garten beherbergt sie u.a. mehr als 140 verschiedene Sorten Pfingstrosen. Sie lebt seit 25 Jahren hier und ist in mehreren Vereinigungen aktiv, die Solidargemeinschaft "Menschenrecht vor Bergrecht" hat sie mitbegründet. Infolge ihres Kampfes gegen den Energiekonzern RWE ist sie nun auch zur Umwelt- und Klimaschutzaktivistin geworden. „Enteignung bedeutet Vertreibung. Vertreibung ist ein Verbrechen - an uns als Dorfbewohnern und auch an unserem Klima.“



Barbara - Keyenberg, 2021

In ihrem Nutzgarten hinter dem Haus. Sie lebt seit fast 40 Jahren hier und wehrt sich gegen die „legale Zwangsenteignung“ durch das Land NRW und den Energiekonzern RWE. Das Haus, ein ehemaliger Bauernhof, wurde 1904 errichtet und 1943 vom Großvater ihres Mannes erworben. Sie ist im Kampf um ihre Heimat auch zur Klimaaktivistin geworden: Ich habe Keyenberg zu retten und wir alle einen Planeten!“



Helmut - Keyenberg, 2021

Auf seinem verwilderten Kleingartengrundstück. Der Schrebergarten ist noch immer im Besitz der Familie. Doch das Haus auf dem Postweg, in dem seine Frau Hilde in den sechziger Jahren aufwuchs, musste im Dezember 2020 an RWE übergeben werden. Es stand auf kirchlichem Pachtland und der Klerus hat als erster seine Güter an den Energiekonzern veräußert. „Sehe ich den Kirchturm auf dem Weg Heim von der Arbeit, dann weiß ich, es sind nur noch 5 Minuten, dann bin ich zu Hause.“

 


Uschi - Kuckum, 2021

An ihrem Lieblingsplatz in ihrem Garten. Sie ist seit mehr als zehn Jahren berentete Friseurmeisterin. Ihr Ladengeschäft hat ihr Sohn übernommen. Sie war immer im Karneval aktiv und zum Zeitpunkt des Interviews kurz nach der Bundestagswahl zur Situation der zukünftigen Energiepolitik pessimistisch gestimmt: „Jeder weiß doch: Der Schweinestall bleibt der gleiche, nur die Schweine werden andere sein.“



Dennis - Keyenberg, 2021

Auf der Kuhwiese. Er arbeitet bei der Straßenmeisterei, ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und dem Landleben eng verbunden. Einer der letzten Bewohner Keyenbergs.


Ingo - Keyenberg, 2021

Auf dem Friedhof. Für ihn bedeuten vor allem seine Erinnerungen Heimat: an die Kindheit, die beständige Nachbarschaft, die Dorffeste, das lebendige Vereinsleben, die Kirche, in der er getauft und kommuniert wurde. Er hat bis zu seinem 48. Lebensjahr hier gelebt. 2022 wird er mit seinem Hund Elmo in den neuen Ort umziehen. Er hätte sich gewünscht, dass das gesamte Dorf sich frühzeitig solidarisiert und selbstbehauptend gegen den Energiekonzern gestemmt hätte. Aber: „Zu viele hatten die Heimat im Portemonnaie“, sagt er. In seiner zynischen Büttenrede über seine Schützenbruderschaft heißt es u.a. : „Für Trommel, Pfeife und Trompete/ kommt von RWE die Knete/ … / Glaube, Sitte nehm'se mit/ nur die Heimat sind se quitt.“